Biografie

Königshütte, 1917

Ludwig Guttmann wurde am 3. Juli 1899 in Tost geboren. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie aus dem kleinen Dorf nach Königshütte, eine Stadt mit großer Hütte mitten im Kohlerevier. Seine erste Begegnung mit einer Querschnittlähmung war ein kräftiger junger Bergmann mit gebrochener Wirbelsäule. Das war 1917, als Guttmann freiwillig in einem Unfallkrankenhaus für Bergleute arbeitete. Als er begann, seine Notizen zu schreiben, sagte man ihm: „Machen Sie sich keine Mühe, in ein paar Wochen ist er tot.“ So kam es.

Nach fünf Wochen führten eine Harnwegsinfektion und massive Druckgeschwüre zu einer tödlichen Sepsis. Guttmann hat diesen Patienten sein Leben lang nicht vergessen.

Während seines Medizinstudiums in Freiburg von 1919 bis 1924 engagierte er sich in einer jüdischen Studentenverbindung, die über Antisemitismus an den Universitäten aufklären wollte. Die Verbindung entwickelte sich nach und nach zu einem Zentrum für Körpertraining und Sport – um Kraft, Geschick, Selbstvertrauen und Selbstachtung zu gewinnen, damit sich „niemand schämen musste, Jude zu sein“. Nach dem Studienabschluss 1924 zwangen ihn finanzielle Gründe zur Rückkehr nach Breslau.

Dort war eine Stelle in der neurologischen Abteilung des angesehenen Professors Otfrid Foerster frei, die Guttmann gerne annahm. Ab 1928 arbeitete er als Neurochirurg an einer psychiatrischen Klinik der Universität Hamburg mit 300 Betten; 1929 kehrte er als Foersters Assistent nach Breslau zurück.

Verfolgung in Breslau

1933 wurde es Juden verboten, an öffentlichen Krankenhäusern als Ärzte zu arbeiten. Guttmann wurde am 30. Juni 1933 entlassen, übernahm aber sofort die Leitung der neurologischen und neurochirurgischen Abteilung des Jüdischen Krankenhauses Breslau. Nach Hitlers Machtergreifung wurde die Lage der Deutschen jüdischer Herkunft immer schwieriger. Guttmann hatte zahlreiche Angebote, ins Ausland zu gehen und dort seine Karriere fortzusetzen. Er nahm keines an, weil er glaubte, der Nationalsozialismus werde nicht lange bestehen.

Er wurde Präsident der Jüdischen Ärztevereinigung und brachte sich viele Male in Gefahr, um Geflüchteten und Patienten zu helfen. Im September 1938 befahl ihm die Gestapo, alle nichtjüdischen Patienten aus dem von ihm geleiteten Jüdischen Krankenhaus zu entlassen. Noch im selben Jahr, als Tausende Juden in Konzentrationslager verschleppt wurden, wurde Guttmann vom örtlichen Gestapo-Kommissar vorgeladen. Er sollte die Anwesenheit von 63 Patienten rechtfertigen, die nach den Novemberpogromen in sein Krankenhaus aufgenommen worden waren.

Er konnte alle bis auf drei retten; diese wurden in Konzentrationslager gebracht. Da wurde ihm klar, dass er Deutschland verlassen musste.

Zuflucht in Großbritannien

Am 14. März 1939 kam er auf Einladung der „Society for the Protection of Science and Learning“ nach Großbritannien – mit seiner Frau, zwei Kindern und ohne Geld. Mit der Unterstützung von Hugh Cairns, einem der führenden Neurochirurgen jener Zeit, begann er in Oxford zu forschen.

Die Sterblichkeit bei traumatischer Querschnittlähmung lag in der britischen und amerikanischen Armee während des Zweiten Weltkriegs noch immer bei fast 80 %. Die wenigen Überlebenden galten als nutzlose, hoffnungslose Krüppel – nicht vermittelbar, nicht erwünscht, für den Rest ihres Lebens in Heime für Unheilbare verbannt, ohne jede Ermutigung, in ein normales Leben zurückzukehren. Die Lebenserwartung nach der Verletzung betrug nur drei Monate.

Im Dezember 1941 legte Guttmann auf Anforderung des britischen Medical Research Council ein Gutachten darüber vor, wie Patienten mit Rückenmarksverletzungen behandelt und rehabilitiert wurden. Infolgedessen beschloss der Medical Research Council, ein Spezialzentrum für Patienten mit Rückenmarksverletzungen zu schaffen.

Diese Entscheidung war auch Teil der umfassenden Vorbereitung auf die für das Frühjahr 1944 geplante zweite Front, denn man rechnete mit einer steigenden Zahl solcher Patienten.

Stoke Mandeville

Im September 1943 ernannte die britische Regierung Guttmann zum Direktor dieses Zentrums am Stoke Mandeville Hospital in Aylesbury. Guttmann nahm unter der Bedingung an, völlig unabhängig zu sein und seine Philosophie für die gesamte Behandlung dieser Patienten umsetzen zu dürfen.

Guttmanns Ziel war es, diese Patienten trotz ihrer schweren Behinderung als geachtete und nützliche Mitglieder in die Gesellschaft einzugliedern. Die immer wiederkehrende Frage „Lohnt sich das wirklich?“, die in den ersten beiden Jahren alle Besucher des Zentrums stellten, zeigt, wie schwer es war, jahrhundertealte Vorstellungen und Vorurteile zu überwinden.

Eine der schwierigsten Aufgaben eines Querschnittgelähmten ist es, seine Besucher aufzumuntern!
— Einer von Guttmanns frühen Patienten

Das Zentrum wurde am 1. Februar 1944 mit 26 Betten eröffnet – damit begann eine neue Ära für Menschen mit Rückenmarksverletzungen. Guttmann führte einen völlig neuen Ansatz ein, wie tetra- und paraplegische Patienten vom ersten Stadium der Verletzung bis zur endgültigen Wiedereingliederung behandelt wurden.

Historisches Schwarz-Weiß-Foto: Ärzte in weißen Kitteln um ein Krankenbett

Obwohl Guttmann sich selbst nicht als Psychologen sah, zeugt der gesamte Aufbau des Rehabilitationsprogramms von einem tiefen Verständnis für die Psyche von Menschen mit Rückenmarksverletzung.

Sport als Therapie

Körpertraining und Sport spielten in der jüdischen Erneuerungsbewegung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle. Sie waren nicht nur Ausdruck eines neuen jüdischen Selbstbewusstseins, sondern auch ein Weg zur Integration in eine nichtjüdische Umgebung. Man darf annehmen, dass Guttmanns sportliches Engagement in seiner Jugend in Deutschland, als Mitglied der jüdischen Studentenverbindung, maßgeblich dazu beitrug, dass Sport Teil des Rehabilitationsprogramms für Rückenmarksverletzte wurde.

Guttmanns Programm zielte auf die Rückkehr in ein normales Leben – und dazu gehörte, gerade in einer Gesellschaft wie der britischen, auch der Sport.

Neben seinem therapeutischen Wert als Ergänzung zur klassischen Physiotherapie – er stellt Kraft, Koordination, Schnelligkeit und Ausdauer wieder her – hat Sport einen großen Vorteil: seinen Freizeitwert und seine psychologische Wirkung.

Zugleich wirkt Sport laut Guttmann krankhaften psychischen und unsozialen Haltungen entgegen. Er hilft zu verhindern, dass ein Mensch mit Behinderung in ein Minderwertigkeitsgefühl abgleitet, geprägt von Angst und dem Verlust von Selbstvertrauen und Würde – mit Selbstmitleid und Isolation als Folge.

Ziel des Sports ist es, Selbstdisziplin, Selbstachtung, Wettkampfgeist und Kameradschaft zu entwickeln – Haltungen, die für die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gemeinschaft wesentlich sind.

Die Geburt der Paralympischen Spiele

Aus den Mannschaftsspielen im Rehabilitationsprogramm wurden bald sportliche Aktivitäten, an denen Männer, Frauen und Kinder auch nach ihrer Entlassung aus dem National Spinal Injuries Centre teilnehmen konnten. Bald kamen Patienten aus anderen Einrichtungen in ganz Großbritannien hinzu. So entstand eine Sportbewegung, die als Stoke Mandeville Games bekannt wurde.

Die ersten Spiele, bei denen 14 ehemalige Soldaten und 2 ehemalige Soldatinnen auf dem Rasen vor der Station im Bogenschießen antraten, fanden am 28. Juli 1948 statt – am Eröffnungstag der Olympischen Spiele in London. Das Datum war kein Zufall: Guttmann wollte für seine Spiele eine größere Bühne. Er hatte internationale Spiele vor Augen. Seit 1948 fanden die Stoke Mandeville Games jedes Jahr statt.

1952 überquerte eine Mannschaft querschnittgelähmter niederländischer Kriegsveteranen den Ärmelkanal, um in Stoke Mandeville bei den ersten internationalen Spielen für Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung anzutreten.

Die Bezeichnung „Paralympische Spiele“ wurde erst 1984 vom Internationalen Olympischen Komitee übernommen.

Man beschloss, die Spiele im jeweiligen Gastgeberland der Olympischen Spiele auszutragen. Das geschah erstmals 1960 in Rom, direkt nach den Olympischen Spielen. Rund 350 Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung aus 23 Ländern nahmen teil. Bei den Spielen 1964 in Tokio waren mexikanische Beobachter anwesend, um die Spiele gemeinsam mit den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt vorzubereiten.

Umso überraschender war es, dass die mexikanische Regierung zwei Jahre vor 1968 wegen technischer Schwierigkeiten ihre Zusage zurückzog.

Um die Tradition fortzuführen, nahm Sir Ludwig Guttmann die Einladung der israelischen Regierung an, die Internationalen Stoke Mandeville Games 1968 in Ramat Gan bei Tel Aviv auszurichten. Israel wollte damit den 20. Jahrestag seiner Unabhängigkeit begehen. Die Eröffnungsfeier am 4. November fand im Stadion der Hebräischen Universität in Jerusalem vor mehr als 10.000 Menschen statt. Eröffnet wurden die Spiele vom stellvertretenden Premierminister Yigal Allon.

Insgesamt nahmen 750 Sportlerinnen und Sportler aus 29 Ländern teil.

Die Paralympischen Spiele sind zu einem weltweiten Ereignis geworden, das Millionen verfolgen. Sie haben Menschen mit Behinderung große Bewunderung und viel Verständnis eingebracht – gerade in Ländern, in denen Behinderung zuvor verleugnet und versteckt wurde.

2012 kehrten die Paralympics mit London in ihr Geburtsland zurück. Das Guttmann-Stadion in Stoke Mandeville spielte dabei eine wichtige Rolle und empfing viele Mannschaften, vor allem als Trainingszentrum.

Ein weltweites Vermächtnis

Historisches Farbfoto: Guttmann begrüßt einen Gast in gelbem Mantel und Hut, flankiert von Offizieren in Galauniform

Guttmann leitete das National Spinal Injuries Centre 22 Jahre lang. Als er sich 1966 aus der klinischen Arbeit zurückzog, war das Zentrum auf 200 Betten angewachsen.

Heute stellt sich die Frage: Wäre ein Zentrum wie Stoke Mandeville ohne die Ereignisse in Deutschland und ihre Folgen entstanden? Wäre die Rehabilitation Rückenmarksverletzter ohne die Emigration zu seinem Lebenswerk geworden? Hätten sich die Vorurteile der Welt gegenüber der „unheilbaren“ Lähmung ohne den Flüchtling Guttmann geändert? Guttmann selbst beantwortete diese Fragen mit einem Verweis auf Winston Churchill:

Seit die Nazis die jüdischen Wissenschaftler vertrieben haben, ist die britische Wissenschaft den Deutschen voraus.
— Winston Churchill, zitiert von Guttmann

Heute ist Guttmann international als Pionier der Rehabilitation von Menschen mit Rückenmarksverletzungen anerkannt. Ab 1948 beriet er zahlreiche Regierungen weltweit in Fragen der Querschnittrehabilitation und förderte die Gründung vieler Querschnittzentren. Stoke Mandeville wurde zum Vorbild für 40 weitere Rehabilitationszentren in aller Welt. 1966 entstand in Heidelberg das erste Querschnittzentrum an einer deutschen Universität und trägt seinen Namen: „Ludwig-Guttmann-Haus“.

In Barcelona heißt das Zentrum für Rückenmarksverletzte Institut Guttmann.

Von den vielen Formen der Behinderung, die den Menschen treffen können, ist eine schwere Verletzung oder Erkrankung des Rückenmarks zweifellos eine der verheerendsten Katastrophen des menschlichen Lebens.
— Sir Ludwig „Poppa“ Guttmann

Dank seiner lebenswichtigen, bahnbrechenden Arbeit hat sich das Leben von Menschen mit Rückenmarksverletzungen weltweit in einem Maß verbessert, das niemand für möglich gehalten hätte.